Deutscher Buchpreis 2009: Sechs waren nominiert, Kathrin Schmidt hat ihn.
(siehe auch deutscher-buchpreis.de)
>Die
sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2009 stehen fest. „Die
Shortlist-Diskussion in diesem Jahr dauerte einen ganzen Tag. Alle
Beteiligten waren beeindruckt von der Intensität der Gespräche, die oft
ans Grundsätzliche rührten - der Literatur, der eigenen Arbeit -, die
die ganze Verstrickung des Lesers mit einzelnen Büchern offenbarten und
eben deshalb manchmal auch schmerzhaft waren. Dann nämlich, wenn ein
Roman nicht unter die letzen sechs gelangte, den man für einen großen
hält, oder umgekehrt“, sagt Jury-Sprecher Hubert Winkels. „Fast wie das
richtige Leben ...
Die sieben Jurymitglieder haben in den
letzten fünf Monaten insgesamt 154 Titel gesichtet, die zwischen dem 1.
Oktober 2008 und dem 16. September 2009 erschienen sind.<
Die nominierten Romane (in alphabetischer Reihenfolge):
• Rainer Merkel: Lichtjahre entfernt
(S. Fischer, März 2009)
• Herta Müller: Atemschaukel
Nobelpreis am 08.10.2009
(Hanser, August 2009)
• Norbert Scheuer: Überm Rauschen
(C. H. Beck, Juni 2009)
• Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht Deutscher Buchpreis 2009 am 13.10.
(Kiepenheuer & Witsch, Februar 2009)
• Clemens J. Setz: Die Frequenzen
(Residenz, Februar 2009)
• Stephan Thome: Grenzgang
(Suhrkamp, August 2009)
Atemschaukel von Herta Müller
Herta Müller über die Entstehung ihres Projekts mit dem vorläufigen Titel "Atemschaukel"
>Seit ich denken kann, sagt meine Mutter: Kälte ist schlimmer als
Hunger. Oder: Wind ist kälter als Schnee. Oder: Eine warme Kartoffel
ist ein warmes Bett. Von meiner Kindheit bis heute seit über fünfzig
Jahren hat meine Mutter diese Sätze um kein Wort geändert. Sie werden
immer einzeln gesagt, weil jeder dieser Sätze für sich genommen 5 Jahre
Arbeitslager beinhaltet. Es ist ihre geraffte Sprache, die das Erzählen
vom Lager ersetzt.
Ich
hatte diese kryptischen Sätze ziemlich satt. Ihr Sinn war versteinert,
sie klangen schon so unerschütterlich leer wie dreimal-drei-ist-neun.
Ich wollte endlich wissen, was hinter diesen Sätzen steht. Ich wußte
zwar, daß im Dorf alle Frauen im Alter meiner Mutter „nach Rußland
verschleppt“ waren und alle Männer, die damals zu jung oder zu alt für
den Krieg waren. Aber geredet wurde über die Lager nur in Andeutungen.
In
Rumänien war das Thema tabu, weil Rumänien im Zweiten Weltkrieg mit
seinem faschistischen Diktator Marschall Antonescu an der Seite Hitlers
war. Trotzdem machten die Sowjets aber nur die deutsche Minderheit für
die Nazi-Verbrechen verantwortlich. Und auf sowjetische Anordnung hin
wurden noch während des Kriegs im Januar 1945 alle Rumäniendeutschen im
Alter zwischen 17 und 45 in Arbeitslager zum „Wiederaufbau“ deportiert.
Es gab Listen, jeder wurde polizeilich zuhause „ausgehoben“, zu den
Sammelstellen und dann zum Bahnhof gebracht. Der Transport im
Viehwaggon dauerte mehrere Wochen. Niemand wußte, wohin die Fahrt geht.
Die
Lager waren in den Kohlegebieten zwischen Dnjepropetrowsk und Donetzk,
im Donbass, in der heutigen Ukraine. Der Alltag bestand aus
Arbeitskolonne, Schuften, Abendappell, chronischem Hunger. Das Sterben
hieß Verhungern und Erfrieren.
...<
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